Sonntag, 17. Juni 2012

Nulltoleranz gegen BücherboXX – trotzdem schönes Bücherfest der Nachbarn

keineBuecherboxx

In Kreuzberg das Guggenheim Lab, in der Siedlung Heerstraße die BücherboXX – verstörte Bürger richten sich gegen lokale Kulturinitiativen. Was ist los in den Berliner Kiezen? Was war Freitagabend am Soldauer Platz los? Der Vorgang: Wie angekündigt wird gegen 16 Uhr vom Institut für Nachhaltigkeit in Bildung, Arbeit und Kultur INBAK eine seit einem Jahr in der Siedlungsöffentlichkeit diskutierte BücherboXX angeliefert und auf dem Soldauer Platz aufgestellt. Kurz darauf erscheinen Anwohner und bekunden ihren Protest gegen dieses nachbarschaftliche Kulturprojekt. Eine Vertreterin der Arbeitsgruppe BücherboXX im Siedlerverein und der Leiter von INBAS sind überrascht, in welcher Form sie mit negativen Vorbehalten gegenüber der Straßenbibliothek konfrontiert werden. Die Argumente der Gegner: Die im Graffitistil bemalte BücherboXX würde Nachahmungstäter anlocken und zu weiteren Grafittis auf Häuserwände und Autos animieren; die zur Minibibliothek umgebaute Telefonzelle mit ihrer Büchersammlung würde geradezu Vandalismus provozieren; der Standort an der von Schülern stark frequentierten Strecke am Soldauer Platz sei wegen der Zerstörungstendenzen bei Jugendlichen abzulehnen; überhaupt seien Bücher im Zeitalter von iPhone und iBook als Medien veraltet. Vor der Benutzung einer gemähten Wiese des Soldauer Platzes wurde gewarnt, weil sich dort ein schützenswerter Biotop befände, der Ort zum unerwünschten Fußballspielen auffordern und wildes Camping befördern würde. Ein Nachbar nahm für sich in Anspruch, im Namen aller Bewohner des Soldauer Platzes zu sprechen. Er drohte an, einen Rechtsanwalt einzuschalten und stellte in Aussicht, dass die BücherboXX nicht lange an diesem Ort geduldet würde. In der Hitze der Erregung wurden noch weitere Szenarien von Gewalt und Zerstörung beschworen, die mit der Minibibliothek auf den Soldauer Platz zukommen würden.
Die Initiatoren des Büchertauschprojekts berieten sich darauf hin und entschieden, dass unter diesen Umständen einer massiv geäußerten Nichtakzeptanz der Anwohner die BücherboXX wieder abgebaut und abtransportiert werden sollte. Dies wurde getan und somit stand nur für eine gute halbe Stunde eine BücherboXX in der Siedlung Heerstraße.
Die Diskussion ging allerdings weiter, denn inzwischen fanden sich Mitglieder aus dem Vereinsvorstand ein und äußerten ihr Unverständnis über diese negativen Reaktionen von Teilen der Nachbarschaft. Am folgenden Sonnabend wurde trotzdem und ohne BücherboXX ein Bücherfest mit Büchertausch und einer Lesung ostpreußischer Literatur (in der Originalmundart von der Schauspielerin Jutta Westphal vorgetragen) durchgeführt. Es kamen viele kulturinteressierte Nachbarn, die sich über die Abwesenheit der lange angekündigten Bücherbox wunderten und ausführlich die Vorgänge vom Vortag diskutierten und bewerteten. Einhellige Meinung war das Unverständnis, wie ein Kulturprojekt von und für Nachbarn verbal derart massiv angegriffen und zum Rückzug gezwungen werden konnte.
Was sind die Hintergründe? Die Projektvorbereitung wurden vor allem von zwei Nachbarinnen geleistet, die mit ihrer Professionalität als langjährig tätige Hochschullehrerinnen an der Freien Universität gründliche Recherchen und eine seriöse Projektplanung zur BücherboXX über fast zwei Jahre durchführten. Weitere Mitstreiterinnen aus der Nachbarschaft, darunter eine Bibliothekarin, wurden für die geplante Betreuung und Pflege der BücherboXX gewonnen. Alle Initiatorinnen, die zum Teil seit ihrer Kindheit in der Siedlung (mit Unterbrechung) ansässig sind, wurden von vielen Anwohnern darin bestätigt, mit ihrer Idee ein kulturelles Bedürfnis des Gespräches über Literatur und dem Austausch von Büchern aufzugreifen. Nun wird das Projekt der BücherboXX von Konrad Kutt vom Institut für Nachhaltigkeit in Bildung, Kultur und Arbeit betrieben. Der pensionierte frühere Mitarbeiter vom Bundesinstitut für Berufsbildung und Arbeit BiBB hat das Institut gegründet, um sowohl Kultur und Nachhaltigkeit mit arbeitsfördernden Projekten in Berufsbildungszentren zu verknüpfen. So werden ausrangierte Telefonzellen eben nicht einfach nur verschrottet und entsorgt, sondern in Straßenbibliotheken von jungen Auszubildenden umgebaut und damit einer nachhaltigen Nutzung überführt. Eine bestechende Idee, die sowohl der jungen Generation zukunftsweisende Perspektiven für ein nachhaltiges Produzieren gibt als auch gemeinnützig wirkt, indem es für Nachbarschaften Orte für literarische Aktionen bereitstellt. Konrad Kutt ist zudem als Nachbarn im Berliner Ortsteil Grunewald eine renommierte Adresse mit einem Salon für interessante Gespräche und Kulturaktionen. Erst vor wenigen Wochen wurden dort Bilder des ehemaligen Bausenators Georg Wittwer mit Reden von Volker Hassemer und weiterer Politprominenz präsentiert. Der Kontakt zu Herrn Kutt ist für die Siedlung Heerstraße ein großer Gewinn und es ist seiner großherzigen Toleranz zu verdanken, dass er die unangenehmen Vorgänge um die gescheiterte Installation der BücherboXX in unserer Siedlung mit Gelassenheit als „neue Erfahrung“ abgebucht hat und auch am Sonnabend zum Bücherfest kam, in einem Kurzvortrag ausführlich über das BücherboXX-Projekt informierte und die Zusage gab, den Kontakt zu uns für einen weiteren Versuch für eine erneute Kulturinitiative zur Errichtung der Straßenbibliothek in der Siedlung Heerstraße zu erhalten.
Der gesamte Vorstand bedauert diese Entwicklung und der Vorsitzende Gerhard Falkenberg äußerte Unverständnis gegenüber der ablehnenden Haltung einiger Anwohner am Soldauer Platz. Die massive Drohung der Einschaltung eines Rechtsanwalts sei natürlich nur die übliche Rhetorik eines Einschüchterungsversuchs. Das Kulturprojekt war bei den zuständigen Ämtern angemeldet und es lagen schriftliche Genehmigungen vor. Völlig überflüssig und unpassend für das Zusammenleben in der über 90jährigen Geschichte der Siedlung Heerstraße muss allerdings dieser negative Stil der nachbarschaftlichen Kommunikation gewertet werden. Alle Nachbarn, die am Sonnabend zum Bücherfest gekommen waren, zeigten sich entschlossen, kulturelle Initiativen in unserer Siedlung auch weiterhin zu fördern und zum Wohle der Nachbarschaft zu realisieren.
INSU (Gast) - 17. Jun, 16:39

Bücherbox bedroht das Idyll am Soldauer Platz?

Anwohner des Soldauer Platz wollten die Bücherbox auch nicht zur Probe am Soldauer Platz tolerieren. Sie beschworen, dass ihr Platz durch diese völlig überflüssige Initiative bedroht würde: Sprayer aus der Stadt würden animiert werden, die Häuser zu beschmieren, ungebetene Besucher würden auf der Bank vor der Bücherbox trinken, Drogenhandel würde sich rund um die Box abspielen, der Platz in Flammen aufgehen usw. Anfängliche Zeichen dieses Vandalismus gäbe es ja schon an der Teufelsseestraße durch brennende Container, den verunzierten Trinkbrunnen vor der Kirche, um nur einige Beispiele zu nennen.
Natürlich weiß jeder, dass es kein Idyll gibt, weder vor den Häusern, noch über den Gartenzaun hinweg, noch in den Häusern. Die Stadt und das Elend machen keinen Bogen um die Siedlung. Aber zugegeben, ich schätze auch eine Wohngegend, die das Auge erfreut und wo so viel Idyll wie nur möglich stattfindet. Dazu gehört nach meinem Verständnis auch eine gute Nachbarschaft, um die sich der Siedlungsverein durch Feste, die grüne Hacke, Blog und Jahresheft etc. seit Jahren bemüht. Die Bücherbox sollte für die Bücherfreunde der Siedlung, die auch gebrauchte Bücher schätzen, ein Beitrag sein. Wer hätte gedacht, dass eine Telefonzelle, die jahrzehntelang zum Stadtbild gehörte, solche Albträume auslösen kann?
Was bisher beschädigt wurde, ist die Nachbarschaft. Nur das sieht man nicht.

Lillianne (Gast) - 18. Jun, 22:00

BücherboXX im Stadtgebiet

Diese BücherboXX, die zum Soldauer Platz - für zwei Monate zur Erprobungsphase - wandern sollte, hatte schon einige Reisen hinter sich. Und auf keiner Wanderstation ist sie von Sprayern oder anderweitig beschädigt worden.
Im Gegenteil - sie ist Kultobjekt bei den Bookcrossern. Aus ganz Deutschland reisen Bücherfreunde an, um in den BücherboXXen ihre Bücher tauschen zu können.
Ich selbst gehöre zu dieser Spezies der Bookcrosser und lasse meine Bücher genau dort frei, weil ich bisher die Erfahrung gemacht habe, dass sie auch gezielt von der Nachbarschaft aufgesucht wird.
Schade, ich habe mir meinen Anreiseweg zum neuen Standort schon ausgedruckt, weil ich sie mit meinen Büchern aufsuchen wollte.
Bei Bookcrossing heißt das: Geh auf die Jagd: http://www.bookcrossing.com/hunt/28/284/140656/698725
Schade!
Kai Gerlach (Gast) - 18. Jun, 20:42

Bücherboxx

Der Trend zum Zweitbuch hat sich hier scheinbar noch nicht durchgesetzt!

bäuerin (Gast) - 19. Jun, 10:18

Bücherboxx nur für urbanes Milieu?

Fehlt in Einfamilienhausgebieten die nötige Gelassenheit, öffentlichen Raum vor der eigenen Haustür aushalten zu können?

kuntzsch, volker (Gast) - 20. Jun, 14:06

armutszeugnis

die kurzsichtige abschmetterung der idee ist ein armutszeugnis für unsere siedlung!

F.S. (Gast) - 20. Jun, 17:37

Na so was...

Ich hatte bis heute nur mitbekommen, dass die auch von mir sehr geschätzte Bücherboxx nun ihren Platz nahe S Heerstraße haben sollte und stand somit etwas ratlos auf dem Platz bis ich die Anschlagtafel mit dem entsprechenden Hinweis fand. Sehr schade das Ganze.
Die mitgebrachten Bücher werden nun ein anderes Heim finden, aber nichtsdestotrotz finde ich auch die Argumentation der Gegner nicht ganz schlüssig.
Abgesehen davon, dass ich die Äußerung der Veraltung des Mediums Buch nicht so akzeptieren möchte, denke ich auch gerade, dass die Schreckensbilder, die scheinbar von Jugendlichen vorliegen, durchaus eher entkräftet werden könnten, wenn man irgendwann feststellt, dass sie die Telefonzelle tatsächlich zum gedachten Zweck nutzen. Eher unwahrscheinlich halte ich den Fall, dass "Vandalen, Drogenhändler und Gewohnheitstrinker" ihre Zeit damit verbringen zu verfolgen, wo denn eine Box mit Büchern aufgestellt wird um ihren Wirkungsort genau dorthin zu verlegen. Auch die meisten Schüler haben höchstwahrscheinlich andere Pläne als nachts klammheimlich wieder den Schulweg zu fahren um irgendwelche Häuser anzusprühen weil sie an dieser Telefonzelle "das erste Grafitti ihres Lebens" gesehen haben und es unbedingt nachahmen wollen. Nicht, dass es sowas nicht auch an dem nur wenige hundert Meter entfernten S Bahnhof nicht auch immer mal wieder gäbe.
Über all diese Argumente hätte man sich bestimmt vorher verständigen können, nehme ich an, aber wenn selbst weiter entfernt wohnende Leute von der Box gehört haben und dann den darum entbrannten Streit versuchen nachzuvollziehen, kann ich irgendwie verstehen, dass sie irritiert sind. Wie ich.

wk (Gast) - 20. Jun, 19:32

Öffentlicher Raum

Öffentlicher Raum, das sind unsere Plätze, Parks, Grünanlagen, aber auch unsere Gehwege, Sitzbänke, Spielplätze und Fahrbahnen, Alleebäume, Springbrunnen oder rumpeligen Querverbinder. Allgemeiner gesagt: All das ist öffentlicher Raum, über den kein Privater entscheidet, ob wir anwesend sein dürfen oder nicht. Im öffentlichen Raum ist Freiheit. Die Bücherbox ist ein Versuch gewesen, diese Freiheit in unserer Siedlung zu stärken, Diskussionen zuzulassen und daraus vielleicht auch neue Ansätze abzuleiten. Die Bücherbox, an der gemeinsam gearbeitet wurde, über die gemeinsam abgestimmt wurde und die mit großer nachbarschaftlicher Mehrheit an dieser Stelle im öffentlichen Raum gewollt wurde, ist einfach gescheitert und in einem wenig demokratischen Vorgehen verhindert worden. Stattdessen manifestiert sich die Stagnation: Die Dinge sollen bleiben, wie sie waren.

Was ist hier eigentlich passiert? Nennen wir es „Verhäuslichung“. Dank I-Phone, Internet und TV kann ich mir die ganze Welt in all Ihrer Öffentlichkeit nach Hause holen. Wer braucht denn da noch den öffentlichen Raum, den Austausch oder auch die persönliche Begegnung? Das hat Folgen, denn wer will sich um den öffentlichen Raum noch kümmern, , wenn er von den Bewohnern und Passanten nicht genutzt werden darf, wenn die Chancen, die er für ein Miteinander bietet, nicht gesehen werden, wenn stattdessen Risiken beschworen werden und wenn er nur noch einen Wert hat als Parkraum oder Biotop? Wer fühlt sich für ihn verantwortlich? Ich weiß es nicht. Aber eins ist klar: Die Männer in Orange sind ein magerer Ersatz für Nachbarschaft. Genau die aber wurde massiv beschädigt. Man hat ihr kurzerhand den öffentlichen Raum privatisiert und diese Bevormundung gefällt mir gar nicht.

Susanne Neiden (Gast) - 20. Jun, 23:54

Bei uns gern

Mich stört auch, dass das schöne und mit viel Engagement vorbereitete Projekt nun erstmal weichen musste. Schade, dass bei so einer harmlosen Sache Anwohner tatsächlich private Interessen (die noch dazu von der Argumentation her kaum ernsthaft nachzuvollziehen sind) sogar unter Gewaltandrohung durchsetzen wollen.
Mir persönlich gefällt z.B. der Grafitti-Look der Box auch nicht so besonders, aber ich würde nicht im Traum auf die Idee kommen, meine privaten Vorlieben über das öffentliche Interesse an so einer guten Einrichtung zu stellen.
Also, vor unser Haus kann die Box gern kommen! Und Dank noch einmal an alle Organisatoren.

Andrea I. Rausch - 21. Jun, 13:40

Ton treffen

Eine andere Meinung darf also nicht gelten - SO sieht es doch
aus.
Der Ton stimmt nicht (mehr).
Ein Mittler, eine Mittlerin, außerhalb des Siedlungslebens, sollte hier gefunden werden.
Und bis dahin bitte, bitte: Toleranz. Vielen Dank!

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